Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

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Roland Meyer
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Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

Beitrag von Roland Meyer »

Liebe Leute hier im Forum,
ich habe eine Balalaika mit dem Brandstempel "Zimmermann Leipzig" auf der Decke unter dem Schalloch. Der Zettel innen trägt handschriftlich die Zahl (vermutlich das Datum) 220239 und ebenfalls handschriftlich die Nummer #1548. Aufgedruckt steht auf dem Zettel "Schutzmarke Zimmermann, Aug. Zimmermann Leipzig, Peterstr. 15".
Ich habe gelesen, dass die Balalaiken von Zimmermann über sehr viele Jahre von Paul Fischer gefertigt wurden, urspünglich aus Riga. er sei bei Zimmermann angestellt gewesen. 1936 habe sich Fischer dann in Markneukirchen in der Siedlung Patten (Hausnummer 1) selbstständig gemacht und unter seinem Namen gefertigt (alle Angaben aus: Michael Goldstein: Michail Ignatieff und die Balalaika; Frankfurt (Zimmermann) 1978). Von der Form der Muschel her, von der optischen Gestaltung her und von der für Balalaiken ungewöhnlich großen Mensur her (46 cm) her vermute ich, dass meine Balalaika auch von Paul Fischer ist, obwohl er seit 1936 selbstständig gewesen sein soll und trotzdem auf dem Zettel nur der Händler (Fa. Zimmermann) angegeben wird.
Haben selbstständige Meister zu der Zeit Instrumente gefertigt, ohne dass ihr Name auftaucht? Oder hat Zimmermann nach dem Ausscheiden Fischers andere Meister beschäfigt, die Fischers Baupläne verwendet haben? Wer kann etwas über Paul Fischer und seine Balalaiken berichten?
Ich erinnere mich an einen Besuch im Musikinstrumentenmuseum in Markneukirchen kurz nach der Wende. Dort war damals in einer Vitrine auch eine Balalaika von Paul Fischer ausgestellt.
Vielen Dank schon jetzt für Eure Bemühungen
Roland

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
Beiträge: 1331
Registriert: So 08. Apr 2007, 16:25
Wohnort: Markneukirchen

Re: Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Roland,

Sie haben Recht, in unserer Dauerausstellung befindet sich auch noch heute besagte Balalaika von Zimmermann. Leider hat sich bisher auf Ihre Frage noch niemand gemeldet und ist mir auch kein Experte für Balalaika bekannt, welchen wir einbeziehen und fragen könnten. Daher versuche ich Teile Ihrer Frage zu beantworten.
Die Datenbank unseres Museums gibt für Jul. Heinrich Zimmermann auch nur Paul Fischer als Zulieferer von Balalaikas an, leider keinen weiteren Handwerker. Was sicher bedeutet, dass sich diese Information auf die gleiche Quelle wie M. Goldstein bezieht.

Konkret zur Frage nach der Signatur selbstständiger Meister: Ja, es war im Vogtland Usus, dass der EInzelhandwerker seine Instrumente nicht mit seinem Namen versah. Aus diesem Grund - eine Beschäftigung und aussagekräftige Bewertung des Verhältnisses zwischen Handelsware mit Händlersignatur und jenen mit Namen des Handwerkers steht noch aus - sehe ich persönlich eine Mehrzahl an Händlerinstrumenten, bei denen sich die eigentliche Werkstatt nicht oder nur schlecht ermitteln lässt.

Ganz sicher hat Zimmermann seine Balalaiken nach und neben Fischer von anderen Handwerkern bezogen. Wenn genaue Stückzahlen über Zimmermanns (hohen?) Umsatz an Balalaiken vorliegen würden, gehe ich davon aus, dass man zeitgleich Instrumente aus mehreren Werkstätten bezog. Bei vielen Instrumenten war es typisch für einen Händler, dass er auch gezielt mehrere Hersteller bei der Hand hatte. Um es kurz zu fassen, man hatte Handwerker für "jede gewünschte Qualität". Also mind. einen für die preiswerten Instrumente, einen für die mittlere Preislage ("die gängigsten") und mind. einen dritten Hersteller für die Spitzeninstrumente. Zimmermann unterteilt ja auch und schreibt um 1899 selbst: "Gute Arbeit", "bessere Ausstattung", "feine Arbeit" - womit er sich der Qualitäts-Einteilung anderer Handelsfirmen anpasst.

Ob nun Fischer allein alle diese Qualitäten fertigte?

An dieser Stelle gebe ich den Staffelstab mal weiter und hoffe für Sie auf weitere Beiträge.


Mit freundlichen Grüßen

Mario Weller

Roland Meyer
Beiträge: 3
Registriert: Do 10. Nov 2022, 17:52

Re: Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

Beitrag von Roland Meyer »

Vielen Dank für die Antwort, Herr Weller.
Wie viele Balalaiken mag Zimmermann Ende der 1930er Jahre pro Jahr verkauft haben? Sicher ist der Markt für solche Instrumenten nicht allzu groß gewesen, oder? Und wie viele Instrument konnte ein Meister wie Fischer im Jahr anfertigen?
Herzliche Grüße
Roland

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Wohnort: Markneukirchen

Re: Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

Beitrag von Mario Weller »

Sehr geehrter Herr Meyer,

über die Stückzahl der von Zimmermann verkauften / gehandelten Mandolinen kann man nur spekulieren. Wenn es keine Unterlagen mehr gibt, wovon man bei den meisten Firmen ausgehen muss, kann da schlecht geurteilt werden.

Der Markt für Mandolinen war in den 1930er Jahren vielleicht schon etwas rückläufig gegenüber den 1920ern, aber trotzdem dürfte die Mandoline da immer noch das vorherrschende Zupfinstrument gewesen sein. Vielleicht gibt es ja bereits Fachliteratur, welche sich dieser Fragen angenommen hat?

Ihre zweite Frage, wieviel denn z.B. ein (Einzel-) Meister wie Paul Fischer pro Jahr Mandolinen hat bauen können, bedarf zunächst grundlegender Forschungen und dann Erkenntnissen zu den Gegebenheiten der Werkstatt.

Ein Mandoolinenmacher konnte ein Instrument GANZ ALLEIN bauen, oder aber, was sicher die Mehrzahl tat, arbeitsteilig Fertigen. D.h. wenn der Korpus (die Muschel) zugekauft wurde, dann evtl. noch der Hals, sind schon mal wesentliche Zeitfaktoren abzuziehen. Ergo - und auch diese möglicherweise unpräzise Schätzung sollten uns die Mandolinenexperten verzeihen - konnte man durch Zukauf von Teilen die Fertigungszeit halbieren, die ausgebrachte Stückzahl verdoppeln.

Da kommendes Jahr das "Jahr der Mandoline" ist, hoffe auch ich auf Zunahme der allgemeinen Wertschätzung für dieses schöne Instrument.


Mit freundlichen Grüßen

Mario Weller

Roland Meyer
Beiträge: 3
Registriert: Do 10. Nov 2022, 17:52

Re: Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

Beitrag von Roland Meyer »

Danke fürs Mitdenken und Antworten, Herr Weller!

Ihre Ausführungen zur Mandoline sind interessant und gut nachvollziehbar und müssen bedacht werden. Aber wie mag das für die Balalaika ausgesehen haben, ein bestimmt viel weniger nachgefragtes russisches, dreieckiges Saiteninstrument mit drei Saiten (e,e,a)? Balalaiken waren im Vergleich mit Madolinen sicherlich ungewöhnlich und sehr wenig verbreitet. Zwar wurde in einigen Gruppen der Bündischen Jugend, vor allem der dj 1.11. von Eberhard-Köbel-Tusk (gegründet 1929), von Balalaiken gesprochen. Aber wirklich gespielt wurde die Balalaika wohl nur selten, auch, weil sie sich aufgrund des geringen Tonumfangs und der geringen Lautstärke nicht zur Liedbegleitung eignet. Meines Wissens gab es nicht einmal ein deutschsprachige Schule. Begeistert hat damals wahrscheinlich eher die ungewöhnliche, fremde Form.

War die Balalaika schon vor 1933 wenig verbreitet, dürfte das Interesse bis 1939 noch abgenommen haben, weil die Gruppen der Bündischen Jugend 1934 verboten wurden und die Mitglieder verfolgt. Wie viele Menschen mögen sich da noch eine Balalaika bestellt haben?

Herzliche Grüße

Roland Meyer

hinnerk
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Re: Zimmermann Balalaika von Paul Fischer?

Beitrag von hinnerk »

Hallo Roland, es gab schon deutschsprachige: Eine Balalaika-Schule von Decker-Schenk (1900), und eine zweiteilige von Nassonow (1905), beide erschienen beim Zimmermann-Verlag. Die von Ignatieff wurde in den 40ern geschrieben und 1951 herausgegeben. Also doch schon was! LG hinnerk

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